Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahre?

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Anisah

Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Anisah »

Ich habe irgendwann gelernt, Schmerzen einfach hinzunehmen. OK, es war eine Grenzerfahrung und ich würde keinem raten, das so nachzumachen, aber das Wissen bleibt: Schmerz ist wie Licht, wie Klang, einfach nur eine Qualität. Er ist nicht gut oder schlecht, wie nichts aus sich selbst heraus gut oder schlecht ist.
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Beate
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Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Beate »

Ji'un Ken hat geschrieben:
Beate hat geschrieben:....Hat das Leid einen Sinn und wodurch entsteht es? ...
Beim Leid stellt sich die Sinnfrage nicht. Es ist Ursache und Wirkung.
http://de.wikipedia.org/wiki/Vier_Edle_Wahrheiten
http://www.netzwolf.info/fushiki/antwor ... buddhismus
Dann ist es aber doch wichtig, zu wissen, wodurch Leid entsteht. Könnte ein Mensch die Erleuchtung erlangen, wenn es auf dieser Erde kein Leid gäbe?

Beate hat geschrieben:Ist es ähnlich wie eine Prüfung Gottes zu verstehen, die ja letztendlich der Erkenntnisfindung dient und nur erfolgt, weil die Menschen auf dem falschen Weg sind?
Nein. Es gibt im Buddhismus niemanden der einen prüft.
Womit wir wieder bei den Konzepten wären. Für mich ist Gott nicht jemand, der prüft. Das ist nur eine Symbolik. Alle Menschen erkennen, dass diese Welt leidvoll ist und nach koranischer Auffassung wird Leid vervorgerufen durch die Verblendung und das Fehlverhalten der Menschen. Die Menschen trifft das, was sie vorausschicken. Die Existenz von Leid wird also durch den Menschen bedingt und ist gleichzeitig notwendig, um richtig von falsch unterscheiden zu können.
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[103] Sprich: "Sollen Wir euch die nennen, die bezüglich ihrer Werke die größten Verlierer sind?
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Ji'un Ken
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Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Ji'un Ken »

Zweite edle Wahrheit


Die zweite edle Wahrheit erforscht die Ursache des Nichtzufriedenstellens.
Woran liegt es, dass unser Leben unbefriedigend ist?
Die Antwort liegt innerhalb von uns:
unser Leben ist unbefriedigend wegen Tanha und Avija:



Tanha wird sehr häufig als Begierden übersetzt,
aber eine viel bessere Übersetzung sollte Durst sein.
Avija bedeutet Unwissenheit.




Was ist Durst?


Durst ist unsere natürliche Tendenz,
an Angenehmen anzuhaften und Unangenehmem abgeneigt zu sein.
Die meisten von uns verbringen den grüßten Teil ihres Lebens damit,
nach Dingen zu jagen und an Dingen zu haften,
die unsere Wünsche, Egos, Sinneslüste usw. befriedigen,
und zu versuchen vor den Dingen davonzulaufen,
die wir schmerzliches, unangenehmes usw. finden.
All dies fassen wir unter Durst zusammen.


Was ist Unwissenheit?



Unwissenheit ist, nicht zu wissen,


dass alle bedingten Sachen vorübergehend sind,
dass alle bedingten Sachen unbefriedigend sind,
dass alle Sachen ohne eigentliches Selbst sind,
die vier edlen Wahrheiten nicht zu kennen.

Der Unwissenheit-Teil ist ein wenig umfassend, das gebe ich zu.
Das ist vom 2. Link
Beate hat geschrieben:...
Womit wir wieder bei den Konzepten wären. Für mich ist Gott nicht jemand, der prüft. Das ist nur eine Symbolik. Alle Menschen erkennen, dass diese Welt leidvoll ist und nach koranischer Auffassung wird Leid vervorgerufen durch die Verblendung und das Fehlverhalten der Menschen. Die Menschen trifft das, was sie vorausschicken. Die Existenz von Leid wird also durch den Menschen bedingt und ist gleichzeitig notwendig, um richtig von falsch unterscheiden zu können.
Da sind wir doch gar nicht so weit auseinander. :)
Ein Lehrer ist ein Schüler der nicht aufgegeben hat.
Anisah

Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Anisah »

Ji'un Ken hat geschrieben:Da sind wir doch gar nicht so weit auseinander. :)
Nein. Natürlich nicht. :knuddel:

Ihr ahnt gar nicht, wie glücklich ich bin, angestupst zu werden, diese Wahrheiten, die ich alle schon einmal kannte, wieder auszugraben und von neuem zu schauen. Es bleibt spannend :mrgreen:
Zahra

Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Zahra »

Ji'un Ken hat geschrieben: Anatta heißt Nicht-Selbst. Es gibt nichts, das aus sich selbst heraus besteht. Alles entsteht in Abhängigkeit von einander.
Wenn ich mich mit z. B. meinem Körper identifiziere, stelle ich fest, dass er aus ganz vielen Teilen besteht, die ich im Einzelnen gar nicht bin. Wenn ich alles wegnehme, was ich nicht bin, bleibt nichts mehr übrig. Und trotzdem ist da natürlich was, denn schließlich schreibe ich dir ja gerade.
Das ist wieder so was, was ich nicht nachvollziehen kann. Natürlich identifiziere ich mich mit meinem Körper, weil der ganz individuell ist, den gab es so noch nie und den wird es so auch nicht noch mal geben. In der Form ist jeder einzelne Teil meines Körpers unverwechselbar. Ich gehe deshalb davon aus, dass dieser Körper deshalb - solange ich lebe - mein Körper ist oder besser mir in meiner Lebenszeit zur Verfügung steht.

Für mich besteht der Mensch aus Körper und Seele.
songül

Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von songül »

Hallöchen :)

habe den ersten Beitrag mit Herz gelesen und ich verstehe es, dass die Regeln dazu gehören, denn im normalen Alltag hat der Mensch ja auch regeln:

Wann steht das Kind auf, es geht zu einer bestimmten Zeit zur Schule, die Pausen ect... Und noch vieles mehr bis zum sog. Rentenalter... Das gehört ja auch dazu... Ich finde es uuuper, wie Du es hier beschrieben hast und danke dafür!

Gruß

Songül
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Ji'un Ken
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Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Ji'un Ken »

Beate hat geschrieben: Hat das Leid einen Sinn und wodurch entsteht es? Ist es ähnlich wie eine Prüfung Gottes zu verstehen, die ja letztendlich der Erkenntnisfindung dient und nur erfolgt, weil die Menschen auf dem falschen Weg sind?.......Dann ist es aber doch wichtig, zu wissen, wodurch Leid entsteht. Könnte ein Mensch die Erleuchtung erlangen, wenn es auf dieser Erde kein Leid gäbe?......Die Existenz von Leid wird also durch den Menschen bedingt und ist gleichzeitig notwendig, um richtig von falsch unterscheiden zu können.
Liebe Beate,
ich habe jetzt, da ich bei der Arbeit bin, etwas Zeit und möchte gerne noch etwas genauer auf deine Fragen eingehen, da es meiner Meinung nach, wichtige Fragen sind.
Die Frage nach dem Sinn des Leiden ist, glaube ich, so alt wie die Menschheit. Auch sie lässt ich so nicht beantworten. Leid als solches gibt es ja nicht. Leid ist ein Phänomen, das unter bestimmten Bedingungen auftritt genau wie auch das Leben. Auch Leben ist nur ein Phänomen und hat keinen Sinn außerhalb seiner selbst.
Und auch die Frage nach der Ursache lässt sich aus dem gleichen Grund nicht beantworten. Es gibt aus buddhistischer Sicht keine erste Ursache für irgend etwas.

Ob ein Mensch Erleuchtung erlangen könnte, wenn es kein Leid gäbe ist spekulativ und deshalb nicht sinnvoll.

Die Existenz von Leid wird durch den Menschen bedingt. Richtig, denn aus buddhistischer Sicht ist unsere Welt, wie wir sie erleben, geistgeschaffen, ein Produkt unseres Bewusstseins. Aber Leid ist nicht notwendig um richtig und falsch zu unterscheiden, denn auch richtig und falsch sind nur Phänomene ohne eigene Existenz und haben nur in einem bestimmten Bedingungszusammenhang ihre Gültigkeit.


Im Rinzai Zen meiner Traditionslinie arbeiten wir mit Koan
Für deine Frage fällt mir ein schönes ein.
In Japan steht eine große Buddhastatue. Du siehst sie auf dem Bild.
Bild
Die Haare des Buddha sind weiß. Das ist keine Frage des Alters sondern Vogelscheiße.
Die Koan-Frage lautet: "Warum scheißen die Vögel dem Buddha auf den Kopf?

Liebe Grüße
Ji'un Ken
Ein Lehrer ist ein Schüler der nicht aufgegeben hat.
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Ji'un Ken
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Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Ji'un Ken »

Zahra hat geschrieben:
Ji'un Ken hat geschrieben: Anatta heißt Nicht-Selbst. Es gibt nichts, das aus sich selbst heraus besteht. Alles entsteht in Abhängigkeit von einander.
Wenn ich mich mit z. B. meinem Körper identifiziere, stelle ich fest, dass er aus ganz vielen Teilen besteht, die ich im Einzelnen gar nicht bin. Wenn ich alles wegnehme, was ich nicht bin, bleibt nichts mehr übrig. Und trotzdem ist da natürlich was, denn schließlich schreibe ich dir ja gerade.
Das ist wieder so was, was ich nicht nachvollziehen kann. Natürlich identifiziere ich mich mit meinem Körper, weil der ganz individuell ist, den gab es so noch nie und den wird es so auch nicht noch mal geben. In der Form ist jeder einzelne Teil meines Körpers unverwechselbar. Ich gehe deshalb davon aus, dass dieser Körper deshalb - solange ich lebe - mein Körper ist oder besser mir in meiner Lebenszeit zur Verfügung steht.

Für mich besteht der Mensch aus Körper und Seele.
Der Mensch ist ein Prozess, der aus vielen Bedingungen besteht. Eine Bedingung dafür ist ein Körper. Aber die Hand ist kein Mensch. Der Fuß ist kein Mensch. Eine andere Bedingung für Mensch-Sein ist z.B. eine atembare Atmosphäre. Es braucht ganz vieles um Mensch zu sein aber nichts davon ist im Einzelnen für sich Mensch. Der Mensch ist ein Prozess, der sich ständig verändert. Das bedeutet Anatta.
Ein Lehrer ist ein Schüler der nicht aufgegeben hat.
Zahra

Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Zahra »

Ji'un Ken hat geschrieben: Der Mensch ist ein Prozess, der aus vielen Bedingungen besteht. Eine Bedingung dafür ist ein Körper. Aber die Hand ist kein Mensch. Der Fuß ist kein Mensch. Eine andere Bedingung für Mensch-Sein ist z.B. eine atembare Atmosphäre. Es braucht ganz vieles um Mensch zu sein aber nichts davon ist im Einzelnen für sich Mensch. Der Mensch ist ein Prozess, der sich ständig verändert. Das bedeutet Anatta.
Danke, Ju'in Ken, damit wird es mir klarer!
Beth

Re: Was mach ich eigentlich so, wenn ich zum meditieren fahr

Beitrag von Beth »

Hallo Ji'un Ken,

wusste gar nicht, dass Du auch hier zu finden bist.
Dukkha wird im Allgemeinen als Leiden übersetzt. Ich glaube diese Übersetzung geht auf Schopenhauer zurück.
Diese Übersetzung gibt es, seit es Wörterbücher Pali-Deutsch gibt. Aber auch in anderen Sprachen wird es entsprechend mit Leiden übersetzt. Das Daseinsmerkmal "Leiden" wird bereits in der antiken griechischen Philosophie erwähnt.
Anatta heißt Nicht-Selbst. Es gibt nichts, das aus sich selbst heraus besteht.

Anatta bedeutet nicht, dass nichts aus sich selbst besteht. Nach den Pali-Wörterbüchern bedeutet "anatta" nicht "Nicht-Ich". Das gilt auch im Sanskrit für Anatman. Es ist also die Negation von atta buzw. atman.

Gruß, Beth
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